Ein Zeitzeuge aus Holz, Guss und Klang: Historischer Flügel bereichert das Klavier-Quartier

Ein besonderer Neuzugang hat seinen Weg in das Klavier-Quartier der Klavierstadt Einbeck gefunden: Ein historischer Flügel aus dem Jahr 1888, gefertigt in Braunschweig unter der traditionellen Markenbezeichnung „Grotrian, Helfferich, Schulz / Th. Steinweg Nachf.“ (Seriennummer 6690).

Dieses Instrument ist weit mehr als ein historisches Tasteninstrument – es ist ein eindrucksvoller Zeitzeuge, der die Höhen und Tiefen der regionalen Musik- und Zeitgeschichte in sich trägt.

Brandspuren der Geschichte: Überleben im Oktober 1944

In den 1940er-Jahren befand sich der Flügel im Besitz von Rudolf Sinramm (1896–1985), einem passionierten Musiker und späteren Konzertmeister i. R., der seine späten Jahre im benachbarten Bad Gandersheim verbrachte.

In der verhängnisvollen Bombennacht vom 14. auf den 15. Oktober 1944 entging das Instrument in Braunschweig nur knapp der vollständigen Zerstörung. Das Feuer hinterließ jedoch deutliche Spuren: Das rechte vordere Bein weist schwere Brandspuren auf, und auch die Zarge direkt darüber ist bis heute leicht verkohlt. Dass dieser Flügel den Zweiten Weltkrieg trotz der Flammen überstand, grenzt an ein kleines Wunder und verleiht ihm seine ganz eigene, bewegende Aura.

Der Weg in die Zukunft

Nun schlägt der Flügel bei uns ein neues Kapitel auf. Um dem Instrument schrittweise wieder Leben einzuhauchen, wird sich in Kürze der Klavierstimmer Maurice Hopp des Neuzugangs annehmen, ihm den ersten feinen Ton verleihen und die klangliche Substanz prüfen. Darauf aufbauend erstellen wir eine detaillierte Fachdiagnose des mechanischen wie akustischen Gesamtzustands, aus der ein Plan für eine behutsame Sanierung erarbeitet wird. Unser Ziel ist es dabei, die historische Substanz und die sichtbaren Narben seiner bewegten Geschichte treu zu bewahren und den Flügel zugleich wieder voll spielbar zu machen. Nach Abschluss dieser Arbeiten soll das Instrument im Klavier-Quartier fest im kulturellen Leben verankert werden, wo es künftig bei Veranstaltungen, Vermittlungsprojekten und musikalischen Begegnungsformaten der Klavierstadt Einbeck wieder viele Menschen erfreuen wird. Wir freuen uns sehr über dieses besondere Geschenk und werden hier regelmäßig über die weiteren Fortschritte berichten.

Wir werden das Instrument in Kürze vollständig vorstellen.

Danke an dieser Stelle an Frank Pietsch, der das Instrument freundlicher Weise nun der Klavierstadt übereignet hat und an Ayub, der uns beim Ausladen des Flügels sehr spontan geholfen hat.

Hier bereits eine kleine Fotoreihe von der Abholung des Instrumentes am 26. Juli 2026.

Therese – unser Blüther aus dem Jahre 1875


Nach dem Gedicht
Therese von Gottfried Keller

Vertont von Johannes Brahms / Opus 86, Nr. 1

Du milchjunger Knabe,
Wie schaust du mich an?
Was haben deine Augen
Für eine Frage getan!

Alle Ratsherrn in der Stadt
Und alle Weisen der Welt
Bleiben stumm auf die Frage,
Die deine Augen gestellt!


Eine Meermuschel liegt
Auf dem Schrank meiner Bas‘:
Da halte dein Ohr d’ran,
Dann hörst du etwas!

Therese
unser Blüthner in der Klavierstadt Einbeck

Der 1875 gebaute Blüthner-Flügel der Klavierstadt Einbeck trägt den Namen „Therese“. Inspiriert wurde dieser Name von dem gleichnamigen Gedicht Gottfried Kellers, das Johannes Brahms vertonte. Es ist eine kleine, zarte Szene: Ein junger Mensch sucht nach einer Antwort auf eine Frage, die sich nicht aussprechen lässt. Therese antwortet nicht mit Worten. Stattdessen verweist sie auf eine Meermuschel, die auf dem Schrank ihrer Base liegt.

Wer sein Ohr an eine Muschel legt, hört ein fernes Rauschen. Es ist kein wirklicher Ruf aus der Tiefe des Meeres und doch erinnert es daran, dass es Dinge gibt, die größer sind als wir selbst. Das Gedicht erzählt von jener leisen Gewissheit, dass nicht jede Wahrheit erklärt werden kann. Manche Antworten erschließen sich erst im Zuhören. Nicht im Lärm der Welt, sondern in den feinen Schwingungen, die das Herz erreichen.

Vielleicht ist es genau das, was auch diesen Flügel ausmacht. Seit mehr als 150 Jahren trägt er Klänge, Erinnerungen und Geschichten in sich. Niemand weiß, welche Hände über seine Tasten glitten, welche Hoffnungen, welche Freuden und welche Abschiede er begleitet hat. Heute steht „Therese“ in der Klavierstadt Einbeck und lädt dazu ein, ihr zuzuhören. Wie die Muschel aus Kellers Gedicht bewahrt sie etwas von der Ferne, von vergangenen Zeiten und von jenem Geheimnis, das sich nicht erklären lässt – wohl aber hören.